Bin ich ein Idiot, wenn ich eine Geisteswissenschaft studieren will?

Herrlichen Tag lieber Suchender,

hast du dich schon über Zukunftsperspektiven informiert? Wenn ja, wirst du feststellen, dass die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) in der Regel viel bessere Aussichten haben als der geisteswissenschaftliche Bereich. Auch wenn Unis immer betonen, dass es nach dem Studium vielfältige Möglichkeiten gibt- in Internetforen findet man haufenweise frustrierte Geisteswissenschaftler*innen, die entweder arbeitslos sind oder irgendeinen schlecht bezahlten Scheißjob haben.

Wahrscheinlich raten dir viele, lieber was Vernünftiges mit deinem Leben zu machen. Aber was machst du, wenn du dich einfach viel mehr für die Geschichte des Alten Ägyptens, die Entwicklung der menschlichen Sprache oder Musik, Kunst und Theater als für technische Zeichnungen oder chemische Formeln interessierst?

Vernünftig sein und ein langweiliges, aber sicheres Studium machen? Oder doch dem Herzen folgen, Geisteswissenschaften studieren und damit vielleicht deine Zukunft versauen?

Wenn du eine Pauschallösung von mir willst- sorry, aber die kriegste nicht. Aber ich gebe dir gerne ein paar Pros und Contras zum Thema „Geisteswissenschaften: Ja oder Nein?“ und Ideen, wie die geisteswissenschaftliche Karriere vielleicht doch klappen kann.x

Ja oder nein? Die Perspektiven für Geisteswissenschaftler*innen

Pro:

Ja, mit Geisteswissenschaften ist es schwieriger, einen Job zu finden. Aber auch nicht unmöglich. Laut Bundesagentur für Arbeit liegt die Arbeitslosenquote bei Akademiker*innen bei 2,5 %. Es stimmt schon, diese Zahlen sind geschönt- wer z. B. einen schlecht bezahlten Minijob hat oder sich von Praktikum zu Praktikum hangelt, wird nicht in den Arbeitslosenzahlen erfasst. Aber dennoch kann man bei einer so niedrigen Zahl annehmen, dass die meisten über kurz oder lang einen Job finden.

Ich kenne viele Geisteswissenschaftler*innen, die einen Job gefunden haben. Zum Beispiel in der Presse und Öffentlichkeitsarbeit, im Projektmanagement, in der Erwachsenenbildung, in der Wissenschaft, als Übersetzerin, im Journalismus, im CSR oder auch im Kunsthandel.

Viele Bekannte, die sich von Anfang an extrem reingehängt und neben dem Studium noch tausend Sachen gemacht haben (zig Praktika, an Organisationen/Projekten/Netzwerken/Tagungen mitwirken oder sie gleich selbst ins Leben rufen, Artikel publizieren etcpp), haben durch ihre guten Kontakte und ihren krassen Lebenslauf sogar schnell interessante Einstiegsjobs oder Möglichkeiten an der Uni (Promotion und Lehre) gefunden.

Wer weder Zeit, noch Lust, noch vielleicht Geld für soviel extracurriculares Engagement hat, hat es hingegen schwerer trotz guter Noten. Einige Freundinnen von mir haben ein ganzes Jahr suchen müssen, bis sie mal mehr, mal weniger gute Einstiegsjobs gefunden haben. Aber: Sie haben etwas gefunden. Und das kann dir auch gelingen.

Contra:

Das Engagement, das du wie oben beschrieben aufbringen musst, ist verdammt viel. In anderen Studiengängen kannst du dich einfach straight auf dein Studium konzentrieren und musst nicht so viel Tamtam drumherum machen. Nicht jeder ist ein geborener Gründer und Anpacker und hat Lust, seine Freizeit mit tausend Projekten zu füllen. Diejenigen, die das können und mögen, sollen ruhig Geisteswissenschaften studieren- aber die anderen sollten vielleicht doch über was anderes nachdenken.

Wer MINT studiert, muss zwar fürs Studium jede Menge pauken, aber er kann eben auch seine ganze Zeit und Energie darein investieren. Nach Lernfeierabend kann man dann noch seinen Sport machen, Netflix schauen oder was trinken gehen und muss nicht noch 27 Seiten Artikel redigieren oder spätnachts den Tatort eines interdisziplinären Zukunftsforums aufräumen.

Und die Zukunftsperspektiven sind oft nicht nur besser, sondern viel besser. Du musst im MINT-Bereich, aber auch in der Wirtschaft oder im Sozialen Bereich kein Volontariat machen. Ergo verdienst du nach dem Studium in der Regel deutlich mehr. Als Mintler*in oder auch Volljurist*in mit gutem Examen oder Wirtschaftswissenschaftler*in mit toller Abschlussarbeit kannst du teilweise im Einstiegsjob mehr verdienen als Geisteswissenschaftler*innen jemals in ihrer Karriere. Außerdem winken in diesen Branchen viel eher Festverträge. Du findest also nicht nur eher einen Job, sondern du kannst auch bleiben und musst nicht in zwei Jahren wieder um deine Zukunft bangen.

Ist ein Interesse wirklich all den Stress und die Sorgen wert? Du kannst doch auch in deiner Freizeit deinen Interessen nachgehen.

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Ja oder Nein? Die Inhalte des Studiums

Pro:

In Geisteswissenschaften kann man wirklich spannende Themen verfolgen.

Ich persönlich habe mich auch immer schon  für die Entwicklungsgeschichte menschlicher Kulturen, internationale Zusammenarbeit und Feminismus interessiert. Man kann einen unglaublichen Bildungsschatz im Laufe eines geisteswissenschaftlichen Studiums erwerben. Das macht nicht nur Spaß und fühlt sich erfüllend an, sondern hilft uns auch, die Welt zu verstehen und noch besser aktiv an unserer Gesellschaft mitzuwirken– z. B. wenn man sich eine differenzierte Meinung bilden kann und diese dann in politischen Parteien oder sozialen Organisationen vertritt.

Die Inhalte sind zwar nicht auf einen bestimmten Beruf zugeschnitten, aber man lernt eben komplex zu denken und Verknüpfungen herzustellen, lösungsorientiert zu arbeiten und immer über den eigenen Tellerrand zu schauen. Außerdem erwirbt man oft Sprachkenntnisse, interkulturelle Erfahrungen im Ausland und Schreib- und Recherchefähigkeiten. Von all diesen Kompetenzen profitiert man später im Berufsleben.

Contra:

Wenn man schreibt „in Geisteswissenschaften erwirbt man eine umfassende Bildung und lernt, vernetzt und lösungsorientiert zu denken“, dann klingt das so, als wäre das in anderen Fächern anders. Als ob die Studierenden aus dem MINT-Bereich, der Wirtschaft und der Sozialen Arbeit nur stumpf auf einen Beruf hin lernen und dabei ziemlich einseitig gebildet und unflexibel im Denken werden. Das ist aber Blödsinn.

Als Softwareentwickler*in und Ingenieur*in wirst du dafür ausgebildet, in allen möglichen Branchen und Betrieben arbeiten zu können. In Naturwissenschaften befasst du dich mit ursprünglichen Phänomenen der Natur– auf der ganzen Welt und tlw. sogar im All.  Abgesehen von den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten müssen alle MINTler*innen lernen, innovativ zu denken, denn sie sollen ja Industrie für die Zukunft entwickeln, wie z B Elektromotoren oder immer bessere und umfangreichere IT-Anwendungen.

Deshalb sind auch die Inhalte der Studiengänge abwechslungsreicher als du vielleicht denkst. Besonders gilt das für Studiengänge in Wirtschaft, Jura oder Sozialer Arbeit, die man zwar auch als Geisteswissenschaften interpretieren kann, die aber in Statistiken und an Unis oft gesondert betrachtet werden und die ja auch andere Perspektiven haben als die klassischen Sprach- und Kulturwissenschaften.

Also interessante Inhalte können dich auch in anderen Fächern erwarten. Außerdem kann man sich ja im Nebenfach oder neben seinem eigentlichen Studium immer noch in interessante Vorlesungen von anderen Fachbereichen setzen, wenn man will.

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Ja oder Nein? Die interessanten Berufsfelder

Pro

„Annika, du hast selber gesagt, dass man sich fragen soll – Welcher Beruf passt zu mir?- Und zu mir passt eben Museumsleiter oder Politikberaterin oder Journalist. Und deshalb macht doch jetzt auch ein Studium in Geschichte/Politik/Journalismus Sinn, oder nicht?“

Ja, richtig. Wenn du weißt, was du willst, dann kann so ein Studium genau das Richtige sein. Denn du kannst von Anfang an zielstrebig sein, die richtigen Praktika machen, den klugen Nebenjob wählen, deine Hausarbeiten zu passenden Themen schreiben und dich mit wichtigen Leuten vernetzen. Mit einem knallroten Faden im Lebenslauf und sinnvollen Beziehungen hast du gute Chancen auf spannende Jobs nach deinem Geschmack.

Also wenn du dein Lieblingsfach studieren und im Anschluss deinen Lieblingsberuf ergreifen willst, dann nur zu!

Contra

Suchender, hast du dir deinen Berufswunsch auch wirklich wohl überlegt? Hast du dir auch die Schattenseiten überlegt- die freiberufliche unsichere Tätigkeit als Journalist*in oder die nicht mehr schlechten, sondern apokalyptisch katastrophalen Aussichten auf einen Job als Museumsleiter*in?

Wenn ja, dann KANN ein geisteswissenschaftliches Studium für dich richtig sein. Muss es aber nicht. Wer in die Politikberatung will, kann auch Jura studieren oder Politik mit Wirtschaft kombinieren (z. B. ein BWL/VWL-Studium, eine Haupt-Nebenfach-Kombination oder einfach International Business). Wer Journalist*in werden will, kann eigentlich alles studieren, auch MINT-Fächer. Und wer im Museum arbeiten will… gut, der kann versuchen, seine Chancen mit einem kulturwirtschaftlichen Studium zu verbessern, aber sollte wahlweise Plan B ausarbeiten oder sich schon mal mit dem SGB II auseinandersetzen… sprich Hartz4.

Der Vorteil an der abgesicherten Variante: Du hast auch weitere Möglichkeiten offen. Wenn später die Perspektivlosigkeit droht, kannst du immer noch durch deinen guten Abschluss vorübergehend oder dauerhaft einen anderen Job finden.

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Ja oder Nein? Ich will mein Hobby zum Beruf machen

Pro

Hobbys sind Dinge, die uns wirklich Spaß machen. Und was gibt es Wichtigeres als einen Beruf, der einem Freude macht? Immerhin verbringen wir so viel Lebenszeit auf der Arbeit, da wäre es doch eine Verschwendung, wenn wir keinen Spaß an der Sache hätten!

Es gibt zwar ein paar Leute, deren Hobbys Rumschrauben am Auto oder Chemiebaukasten heißen, aber die meisten von uns haben kreative Hobbys (neben den sportlichen)- also Musikinstrumente, Malen und Basteln, Lesen und selbst kreativ Schreiben, Theaterspielen und das kulturelle Angebot der Stadt nutzen. Und zu diesen Hobbys passen eben vor allem Geisteswissenschaften.

Also wenn man Schreiben liebt, dann macht es mehr Sinn, journalistisch zu arbeiten und dafür ein geringeres Gehalt in Kauf zu nehmen, als in einem gutbezahlten Job in der Buchhaltung zu verkümmern. Das ist natürlich auch eine Frage der Prioritäten. Aber wenn deine Priorität eben Spaß am Job ist, dann solltest du danach auch leben!

Contra

Das Problem an der Sache ist- wenn du später ohne Job da stehst, nützt dir dein „Hobby zum Beruf gemacht“ eben nix. Viele Geisteswissenschaftler*in landen notgedrungen in Jobs, die nicht ihren Vorstellungen entsprechen– für die sie überqualifiziert sind und die nicht annäherend so kreativ und interessant sind, wie sie dachten.

Da kann es sinnvoller sein, sich einen Job zu suchen, der nicht das Hobby ist, aber der Zeit für Hobbys lässt. Also ein klassischer 9-to-5-Job, idealerweise ohne Schichten. Am besten natürlich so gut bezahlt, dass man in Teilzeit gehen kann und das Wochenende z B um einen Tag verlängern kann. Dann hat man genügend Zeit für seine Hobbys und kann auch in einem eher unspektakulären Job ein erfülltes Leben haben.

Außerdem sollte man nicht unterschätzen, dass auch andere Berufe kreativ sein können. Wer z. B. Manager*in oder Projektmanager*in ist, braucht oft innovative Ideen und kreative Lösungen. Zudem muss man oft Berichte schreiben und kann so sein Schreibtalent genauso entfalten. Im sozialen Bereich muss man außerdem oft die Öffentlichkeitsarbeit selbst leisten. Sozialarbeiter*innen mit Fähigkeiten im Grafikdesign können so oft Flyer, Broschüren und Webseiten gestalten. Meiner Meinung nach werden klassische Berufe von Freigeistern und Künstler*innen gerne mal unterschätzt. Es lohnt sich, da genauer hinzusehen.

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Journalist*in oder BWLer*in? Gar nicht so leicht zu erkennen.

Du willst es wirklich? Immer noch? Geisteswissenschaften?

Ok! Dann kommen hier ein paar Ideen, wie du deine Chancen verbessern kannst:

  • Praktika machen. Gerne mehr als eins, aber idealerweise aufeinander abgestimmt. Sie müssen nicht komplett in eine Richtung gehen, aber am Ende musst du verkaufen können, dass sie alle zu dir passen und dein Profil schärfen.
  • Publizieren. Lokalzeitungsartikel, wissenschaftliche Arbeiten, Blogbeiträge… zeig der Welt draußen, was du kannst. (wahlweise auch als Videos oder Radiobeiträge o. ä.)
  • Netzwerken. Das A und O ist, die richtigen Leute kennenzulernen. Nutze dafür Veranstaltungen, aber vernetze dich auch immer mit Kommiliton*innen, Professor*innen und den Menschen, die du bei deinen Praktika antriffst.
  • Zusatzqualifikationen sammeln. Auch hier am besten aufeinander abgestimmt. Wer Finnisch und Hindi lernt und danach einen Auslandsaufenthalt in Neuseeland macht, wird sich schlechter verkaufen können, als jemand der zwei skandinavische Sprachen erlernt und dann für ein Semester in den hohen Norden zieht.
  • An Wettbewerben teilnehmen, z. B. journalistischen, und durch Preise den Lebenslauf pimpen.
  • Spezialinteressen finden, sich einarbeiten und dazu Texte oder Videos verfassen und veröffentlichen. Eventuell sogar einen Doktorarbeit in dem Bereich in Betracht fassen.
  • Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in in der Uni werden– darüber kannst du eventuell Perspektiven in der Wissenschaft entwickeln und deinen Lebenslauf vorantreiben.
  • Gründen– mit anderen zusammen Fachforen, Studenteninitiativen, Veranstaltungen, Projekte und co. ins Leben rufen. Kommt gut an und entwickelt sich vielleicht zur Lebensperspektive.
  • Offen und neugierig bleiben und so Chancen erkennen, wenn sie sich bieten.
  • Flexibel bleiben– wenn nach dem Studium in Berlin ein ordentlich bezahltes Volo im Allgäu winkt, dann kann man schon mal für ein/zwei Jahre in die Pampa ziehen.
  • Bewerbungstrainings mitmachen und top Bewerbungen schreiben, sowie souverän in Vorstellungsgesprächen auftreten.
  • Einen anwendungsorientierten Master studieren.
  • Seminare und Veranstaltungen zum Thema Berufsorientierung wahrnehmen und danach auch handeln.
  • Menschen zuhören und so von den Erkenntnissen und Erfahrungen anderer profitieren. Idealerweise sich Mentor*innen suchen.
  • Immer ein Ohr für deine eigene Lebensfreude, Leidenschaften und Begeisterung haben. Wenn vor lauter Orga und Lebenslaufpolieren deine Freude abhanden kommt, läuft was schief. Dann solltest du dich ehrlich fragen, ob du nicht einen Gang zurückschalten solltest… oder ob du die Studienwahl doch noch mal überdenken solltest.

(Fotos: http://www.pixabay.de)

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