Was wir aus „Club der toten Dichter“ lernen können- und was nicht

Oh Captain, mein Captain,

ich habe ja schon in „Über mich“ erwähnt, dass ich früher ein großer Fan vom Film „Club der toten Dichter war“. Einer der großen Filmklassiker zum Thema „Lebe deinen Traum“. Ich mag ihn auch immer noch. Wenn du ihn noch nicht gesehen hast- tu es, er ist sehr zu empfehlen! Aber mittlerweile sehe ich den Film auch durchaus kritisch.

Deshalb hier mal eine Filmkritik für deine Lebenspläne (Achtung: Spoiler im Text enthalten):

Was können wir aus Club der toten Dichter lernen?

Frei nach dem Motto „her mit dem schönen Leben!“ lernen wir was über Schönheit, Lebensfreude und Freiheit.

Wir lernen:

  • Lebensfreude hängt mit Gefühlen zusammen. Wir müssen wieder mehr zum Fühlen und weg vom Denken und Vernünftigsein kommen.
  • Verliebtsein ist ein großes Gefühl. Es ist wertvoll, Zeit in seine Beziehung bzw. in das Kennenlernen von Menschen zu investieren.
  • Aufregung und Angst vor Neuem sind große Gefühle. Wenn wir bereit sind, für unsere Träume Risiken einzugehen und uns verletzbar zu machen, werden wir unser Leben viel intensiver spüren und am Ende hoffentlich auch unser gewünschtes Ziel erreichen.
  • Der Genuss von Schönheit verschafft uns große Gefühle. Kunst und Kultur (Gedichte lesen und schreiben, Musik machen, Theater spielen) sind wertvolle Bestandteile unseres Lebens, auch wenn sie keinen konkreten Zweck haben.
  • Freundschaft verschafft uns große Gefühle. Füreinander dazusein und besondere Momente miteinander zu teilen gibt uns Lebensqualität.
  • Eigenständiges Denken hilft uns, aus den Zwängen rauszukommen, die uns von Eltern, Lehrern und Gesellschaft auferlegt werden. Wenn wir für uns selber denken, können wir herausfinden, was wir wirklich wollen und was uns berührt. Nur so kommen wir überhaupt zu den großen Gefühlen durch, die in uns schlummern.

Wir erleben im Film, dass die Jungen sehr viel Spaß daran haben, Neues auszuprobieren und Dinge mit emotionalem Wert für sich zu tun. Wenn wir dann selber etwas Ähnliches ausprobieren, fühlen wir uns genauso gut.

lust

Der Garten der Lüste, Hyronimus Bosch

Was können wir aus Club der toten Dichter nicht lernen?

Mr. Keating hat leider für mich 3 wesentliche Dinge vergessen:

1. Wie findet man seine Träume eigentlich?

Ja, die Jungs haben spontane Idee. Der eine will ein Mädchen erobern, der nächste schauspielern und alle zusammen wollen sie in eine Höhle im Wald ziehen und Gedichtelesungen halten. Todd aber zum Beispiel hat noch keine konkreten Träume und auch bei Knox, Charlie und co. ist nicht klar, ob sie Ideen haben, was sie jetzt mit diesem großen Leben anfangen sollen.
Das ist für mich ein Punkt, über den ich mich in solchen Filmen/Büchern/Sprüchen oft ärgere: Die „Leb deinen Traum“- Bewegung geht automatisch davon aus, dass jeder schon einen Traum hat. Aber das ist für viele von uns ja gerade das Schwierigste an der Sache! Überhaupt rauszufinden, was man eigentlich machen will mit seinem Leben. Da hätten Sie echt mal mehr zu sagen können, Mr. Keating!

nebel

Wanderer über dem Nebelmeere, Caspar David Friedrich

2. Wie führt man ein Leben?

Mr. Keating erklärt, dass die Jungen nach einem schönen Leben trachten sollen. „Make your lives extraordinary“ ist eines seiner berühmtesten Zitate. Wenn Mr. Keating von einem außergewöhnlichen, schönen Leben spricht, dann spricht er immer nur über das Außergewöhnliche und die Schönheit, aber nicht über das Leben bzw. die Lebensführung. Das hat zwei Nachteile:

Nachteil 1:
Die Jungen lernen nicht, wie sie ihre Träume in praktische lebbare Pläne umwandeln sollen. Neil könnte eventuell rausfinden, wie man professioneller Schauspieler wird. Bei Knox bleibt aber offen, ob er die vergebene Chris wirklich kriegen wird. Und wenn ja, so muss er lernen, eine Beziehung zu führen und er muss in der damaligen Zeit der Ernährer der Familie werden- welcher Beruf wird es denn dann werden, der ihn ebenso begeistern und berühren kann? Und was will die empfindsame Seele Todd denn eigentlich machen, der noch gar keine Ideen hat? Der Film lässt es offen und Mr. Keating schweigt. Wie baue ich mir ein Leben auf? Wie finde ich einen Beruf, der mir gefällt? Wie komme ich zu diesem Beruf? Wie kann ich meine Leidenschaften in mein Leben integrieren? Wie führe ich eine gesunde Beziehung? Ja, diese Dinge lernen wir auch nicht von anderen Lehrern. Aber Mr. Keating wird ja heftiger verehrt als Gottkanzler Schulz und da würde ich erwarten, dass er auch dazu was zu sagen hat.

Nachteil 2: Mr. Keating vergisst die Schattenseiten. Wenn man Schauspieler ist, hangelt man sich von Job zu Job und hat oft viele Phasen der Arbeitslosigkeit vor sich. Man verdient wenig Geld und hat blöde Arbeitszeiten, insbesondere wenn man mal Kinder haben will nicht so toll. Der Wunsch „hey, ich mag Theater, also werde ich Schauspieler“ ist ein naiver Kinderwunsch. Es gibt Menschen, die genau das wollen- einen Traumberuf und dafür ein schwieriges Leben in Kauf nehmen. Aber es gibt auch Menschen, die sich das anders vorstellen. Ob Neil wirklich weiß, auf was für ein Leben er sich da einlassen will? Auch Knox beachtet in seiner Verliebtheit noch nicht, dass nach der ersten Begeisterungsphase ja der normale Alltag anfängt und dass man dann in die Beziehung investieren muss und lernen muss, auch mit schwierigen Phasen klarzukommen. Die Jungs lernen nur, von bunten, blinden Emotionen gesteuert fröhlich durch die Gegend zu taumeln, aber sie lernen nicht, realistische Lebensperspektiven zu entwickeln. Und deshalb bleibt höchst fraglich, ob auch nur ein einziger von ihnen später wirklich ein schönes Leben führt.

schrei

Der Schrei, Edvard Munch

3. Wie geht man mit den Hatern um?

Wenn man ein unkonventionelles Leben führen will, wird man immer Gegenwind kriegen. Die Jungen erleben das. Charlie fliegt von der Schule, Knox wird verprügelt und Neil von seinem Vater so unterdrückt, dass er sich letztlich umbringt. Und das alles war von Anfang an zu erwarten! Mr. Keating hätte kommen sehen müssen, dass die anderen Lehrer nicht nur ihn anfeinden, sondern dass auch seine Schützlinge Schwierigkeiten bekommen werden.

Das heißt nicht, dass er deshalb auf seine Unterrichtsmethoden hätte verzichten sollen. Im Gegenteil, die Jungen brauchten ihn. Aber er hätte sie vorbereiten können. Mit ihnen darüber sprechen, ihnen Konfliktlösestrategien an die Hand geben können, mit ihnen gemeinsam Szenarien durchspielen können: „Was wird passieren, wenn du jetzt deine Träume lebst? Könntest du damit leben oder nicht? Wenn nicht, kannst du vielleicht einen Kompromiss finden, mit dem du glücklich werden kannst?“

Neil hätte z B bis zu seiner Volljährigkeit noch etwas zurückhaltender mit seinem Vater umgehen können. Vielleicht wäre mit Beistand der Lehrer gelungen, dass der Vater Neil doch auf der Schule lässt und nicht auf die Militärakademie schickt. Neil hätte in seiner Freizeit ohne Wissen der Lehrer und des Vaters mit seinen Freunden Theater spielen und Gedichte lesen können. Und wenn er volljährig wird, könnte er statt dem gewünschten Medizin ein anderes, weniger zeitintensives Fach wählen, das seine Eltern mit der Zeit akzeptieren könnten. So bliebe ihm in seiner Freizeit an der Universität massiv Zeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und am kulturellen Leben teilzunehmen. Nach der Uni könnte er dann entweder professioneller Schauspieler werden oder sein Leben so weiterführen- in einem guten Beruf und als Laiendarsteller. Ich könnte mir z B Neil gut als Nachfolger Keatings, also als Lehrer vorstellen, denn mit Menschen kann er ja gut. Seinen Vater würde das zwar etwas enttäuschen, aber wenn Neil eine Arbeit an einer renommierten Schule anstreben würde, könnte sich der Vater bestimmt irgendwann damit anfreunden. … So könnte Neil glücklich werden…

Aber das wäre natürlich ein viel langweiligeres Ende geworden als ein dramatischer Suizid.

 

sonntag

Der Sonntagsspaziergang, Carl Spitzweg

 

Und wie lernen wir jetzt das, was Mr. Keating vergessen hat?
Na, auf diesem Blog ;) Oder in Büchern und bei anderen Lehrmeistern. Die Welt ist voll von inspirierenden Menschen. Such dir Mentoren, die dich weiterbringen!

Nach all den klassischen Gemälden und bei dem Thema dürfen hier auch ein, zwei Gedichte nicht fehlen. Ich glaube, es gibt keine Gedichte, die uns alle Fragen beantworten, aber Gedichte, das Lust auf die schönen und die schweren Zeiten macht:

Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen,

der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,

mit Stürmen mich herumzuschlagen

und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen.

(Johann Wolfgang von Goethe)

 

Ich bin mir selbst ein unbekanntes Land,

und jedes Jahr entdeck ich neue Stege.

Bald wandr‘ ich hin durch meilenweitenen Sand

und bald durch blütenquellende Gehege.

So oft mein Ziel im Dunkel mir entschwand,

verriet ein neuer Stern mir neue Wege.

(Christian Morgenstern)

(Fotos: http://www.pixabay.de)

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