Krumme Lebensläufe- ein Problem der heutigen Zeit?

Guten Tach Suchender,

es heißt ja immer so schön, unsere Großeltern und Eltern haben immer noch von der Wiege bis zur Bahre in einem Beruf bei einem Unternehmen gearbeitet. Aber in der heutigen Zeit ist das nicht mehr möglich- erstens sind wir unentschlossen und von den Möglichkeiten überfordert, sodass wir Sachen anfangen und wieder abbrechen und zweitens ist die Arbeitswelt so unsicher geworden, dass wir gar keinen Job auf Lebzeiten mehr finden.

Ist es nicht ungerecht, dass es die Generationen vor uns da leichter hatten? Naja, ich glaube, diese Behauptung ist ein Mythos. Wenn ich mir meine Familie so angucke, ist da nix mit geraden Lebensläufen. Auch nicht bei meinen Großeltern.

Ich stelle sie gerne mal vor. Willkommen in meiner Familie:

Opa 1:
Opa 1 hat eine Ausbildung zum Dreher gemacht (heute Zerspanungsmechaniker). Im zweiten Weltkrieg war er Marinesoldat, danach arbeitete er wieder in seinem Beruf. Ein Bekannter von ihm lernte gerade auf die Meisterprüfung als Isoliermeister. Aus Spaß lernte mein Opa mit und nahm auch an der Prüfung teil… das war eigentlich nicht erlaubt, denn er war ja kein Isolierer, aber mein Opa war eben ein echter Filou. Nachdem er die Prüfung bestanden hatte, fiel den Prüfern dann auch auf, dass er ja gar nicht hätte teilnehmen dürfen… aber sie entschieden sich, ihm trotzdem den Meistertitel zu geben, wo er schon mal bestanden hatte. Fortan arbeitete mein Opa in seiner eigenen Firma, die aber irgendwann konkurs ging. Daraufhin arbeitete er die letzten Jahre seines Arbeitslebens als angelernter Speditionskaufmann bei einem Küchenhersteller.

Oma 1:
Oma 1 hatte in der Schule Englisch und Schreibmaschine gelernt. Als die Engländer nach dem 2. Weltkrieg nach Deutschland kamen, waren sie in unserer Stadt stationiert und meine Oma fand eine Anstellung bei ihnen im Büro. Nachdem die Engländer abzogen, arbeitete sie in der Firma meines Opas mit, bis diese konkurs ging. Im Anschluss machte sie eine Ausbildung zur Krankengymnastin, da war sie aber schon Ende dreißig und hatte schon ihre drei Kinder zur Welt gebracht. Dieser Beruf war schließlich ihre Berufung und sie blieb dort bis zur Rente.

Opa 2:
Opa 2 machte nach der Schule eine Ausbildung zum Tischler. Da er 1,90m groß war, ging ihm die Arbeit, die er oft in gebückter Haltung ausüben musste, sehr auf den Rücken. So entschied er sich für eine weitere Ausbildung und wurde Polizist im mittleren Dienst. In diesem Job blieb er bis zur Rente.

Oma 2:
Oma 2 hatte einen Ausbildungsplatz in einem Labor bekommen, aber kurz bevor sie ihn antreten konnte, wurde er doch an eine Verwandte des Laborleiters vergeben. So musste sie notgedrungen die nächstbeste Ausbildung ergreifen: Sie wurde Kauffrau im Einzelhandel. Sie machte zwar keine weitere Ausbildung mehr, arbeitete dafür aber in vielen verschiedenen Läden und war zeitweilig auch im Büro einer Zivildienstschule angestellt.

Papa:
Papa wusste nach der Schule überhaupt nicht, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Eine Exfreundin aus der Schule studierte Biologie und da er das Fach auch immer gemocht hatte, schloss er sich ihr an. Richtig begeistert war er jedoch nicht. In seiner Freizeit verdiente er nebenbei Geld als Helfer bei einer Veranstaltungsagentur, die z. B. Stadtfeste organisierte. Nach ein paar Jahren wurde meinem Papa angeboten, diese Firma zu übernehmen. Er nahm das Angebot an und schmiss sein Biostudium. Seitdem lebt er von seinen Aufträgen.

Mama:
Mama wollte nach der 10. Klasse die Schule verlassen, um Physiotherapeutin zu werden. Meine Großeltern überredeten sie aber, das Abi zu machen. Danach wollte sie dann doch studieren, am liebsten Journalismus. Ein Bekannter riet ihr jedoch, lieber Jura zu studieren– damit hätte sie bessere Perspektiven, auch als Journalistin. Also begann sie das Fach. Schon nach einem Semester wusste sie, dass es ihr nicht gefällt. Aber ihre „Arbeiterfamilie“ war so irrsinnig stolz auf die erste Studentin- und dann auch noch so ein tolles Fach!-, dass sie nicht abbrechen mochte. Sie zog das Studium durch und wurde Anwältin in einer Kanzlei. Nach einigen Jahren wurde der Beruf neben den drei Kindern aber zu stressig und sie gab ihn schließlich auf. Danach folgten zahlreiche Weiterbildungen. Heute ist sie Coach, Trainer, Yogalehrerin und bald steht schon der nächste Beruf an.

Tja und meine Brüder und ich führen diese Tradition begeistert fort.

Der Ältere hat zwei Studien abgebrochen, bevor er eine Ausbildung zum Gärtner gemacht hat.

Ich habe ein Studium abgebrochen, bevor ich zur Pädagogik gefunden habe.

Und unserer Jüngster schießt den Vogel ab: Bundesfreiwilligendienst-freiwilliger Wehrdienst- abgebrochenes Studium- Kurzausbildung zum Rettungssanitäter (in diesem Bereich arbeitet er gerade auch)- Bewerbung für ein neues Studium im kommenden Oktober.

Du musst dir meine Familie als glückliche Menschen vorstellen ;P

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